Schwindel und Gleichgewicht

Der Gleichgewichtssinn dient zur Feststellung der Körperhaltung und der Orientierung in der Umgebung. Das Gleichgewicht wird beim Menschen vor allem durch vier Wahrnehmungen sichergestellt:

  • Oberflächensensibilität: Wahrnehmung von Druck, Temperatur, Berührung, Vibration, Schmerz über die Haut
  • Tiefensensibilität: Wahrnehmung von Reizen aus dem Körperinnern
  • Visuelle Wahrnehmung: Über die Augen die Umgebung wahrnehmen
  • Vestibuläre Wahrnehmung über das Gleichgewichtsorgan (insbesondere Gravitation, Beschleunigung)

Die Informationen dieser Wahrnehmungen werden im Gehirn verarbeitet und z.B. an die Augen, die Gelenke oder die Muskeln weitergeleitet, damit der Körper im Gleichgewicht bleibt und die Orientierung gewährleistet ist.

Ist die Funktion einer der oben genannten Wahrnehmung gestört, so erhält das Gehirn widersprüchliche Informationen, was zu Schwindel führen kann.

 

Gleichgewichtsorgan

Im Innenohr ist das Gleichgewichtsorgan angesiedelt, welches aus folgenden Komponenten besteht:

  • Drei Bogengänge
  • Utriculus
  • Sacculus

Diese Organe sind mit Flüssigkeiten gefüllt. Durch eine Beschleunigung des Kopfes geraten diese Flüssigkeiten in Bewegung und dadurch werden Rezeptoren aktiviert.

 

Bogengänge (ductus semicirculares, engl. semicircular canal)

Jedes Ohr verfügt über drei Bogengänge, welche rechtwinklig zueinander angeordnet sind, und somit alle 3 Raumdimensionen abdecken. Die Bogengänge nehmen radiale Bewegungen, also Drehbewegungen wahr. Jeder Bogengang besteht aus einer halbkreisgeformten Röhre (=Bogen) und am Ende aus einer Ausbuchtung, der Ampulle. In der Ampulle liegen die Sinneszellen der Bogengänge, deren Spitzen in dem Gallertkegel (Cupula) enden. Die Bogengänge sind mit Endolymph (Flüssigkeit) gefüllt. Da bei einer Drehbewegung diese träge Flüssigkeit bewegt wird, drückt diese auf einen Gallertkegel und die darin befindlichen Spitzen der Sinneshaare werden verbogen, und dadurch die Sinneszellen (Crista ampullaris) stimuliert. Deren elektrisches Signal wird über den Bogengangsnerv (Nervus ampullaris, Faser des Gleichgewichtsnerv Nervus vestibularis) zum Gehirn geleitet. Der horizontale Bogengang, der auch lateraler oder seitlicher Bogengang genannt wird, ist der wichtigste der Bogengänge.

 

Macula-Organe Utriculus und Sacculus (Otolithenorgane, Vorhofsäckchen)

Anders als die Bogengänge nehmen die Macula-Organe nicht Drehbewegungen, sondern lineare Beschleunigungen wahr. Sie stehen ebenfalls rechtwinklig zueinander. Mit dem Sacculus werden vertikale Beschleunigungen (Lift fahren), und mit dem Utriculus horizontale Beschleunigungen (Auto bremst, beschleunigt) wahrgenommen. Beschleunigungen werden wiederum von Sinneshaaren (Zilien) der Sinneszellen wahrgenommen. Die Sinneshaare sind in einer gallertigen Membran, welche noch über Kalzitkristalle, die Otolithen, verfügt, um die Empfindlichkeit zu verbessern. Um die Gallerte ist die Flüssigkeit Endolymph. Bei einer Beschleunigung werden wiederum die Härchen der Sinneszellen verbogen und diese Informationen über den Utriculus- und Sacculusnerv (Nervus utricularis und saccularis, Faser des Gleichgewichtsnerv Nervus vestibularis) an das Gehirn weitergeleitet.

Funktionsstörungen der Otolithen können den gutartigen Lagerungsschwindel hervorrufen.

 

Blickstabilisierung

Um den Blick bei bewegten Objekten oder bei bewegtem Kopf zu stabilisieren, werden die Augen über den Vestibulookulären Reflex, über das Sakkadensystem und über das Blickfolgesystem gesteuert.

 

Vestibulookulärer Reflex VOR

Da das Gleichgewichtsorgan mit den Augenmuskeln verknüpft ist, ermöglicht die visuelle Wahrnehmung bei einer Kopfbewegung ein stabiles Bild. Bei Fixierung eines Punktes und Bewegung des Kopfes führt dieser Reflex dazu, dass sich die Augen nach ca. 7.5ms in die Gegenrichtung mit nahezu identischer Geschwindigkeit (Verstärkung, Gain = 1) bewegen. Somit kann das Bild stabilisiert werden bei Kopfbewegungen von bis zu 400°/s. Bei solchen Geschwindigkeiten ist nur der VOR in der Lage, das Bild scharf zu stabilisieren, das Sakkaden- und Blickfolgesystem können dies nicht gewährleisten. Dieser Reflex wird bei einigen Messverfahren zur Prüfung des Gleichgewichtorgans genutzt. Da das Gleichgewicht im Innenohr ist, haben wir keinen direkten Zugang. Mithilfe des Aufnehmens und der Auswertung der Pupillenbewegung können Rückschlüsse auf den Zustand des Gleichgewichtorgans gemacht werden. Dazu wird die Pupille mit einer hochauflösenden Kamera aufgenommen.

 

Sakkadensystem und Blickfolgesystem

Sakkadensystem

Als Sakkaden bezeichnet man sehr schnelle Augenbewegungen (ca. 200 bis 700°/s). Sie dienen dazu, dass ich im Blickfeld ein springendes Objekt anvisieren kann (Kopf bewegt sich nicht) und können somit absichtlich sein. Sie können aber auch als Rückstellbewegung bei Nystagmen auftreten (schnelle Phase, unabsichtlich). Dabei werden versteckte Rückstellsakkaden (engl. covert catch-up saccade) und sichtbare Rückstellsakkaden (engl. overt catch-up saccade) unterschieden.

 

Blickfolgesystem

Das Blickfolgesystem dient dazu, dass die Augen einem bewegten Objekt folgen können (Kopf bewegt sich nicht), z.B. wenn ich an der Strasse stehe und nur mit den Augen einem Radfahrer nachschaue. Es ist also für langsame Augenbewegungen zur Folgung eines Sehziels verantwortlich. Das Sehziel darf maximal ca. 100°/s schnell sein, damit es das Blickfolgesystem fixieren kann.

 

Zusammenspiel von Sakkaden- und Blickfolgesystem

Ist zu Beginn eine Abweichung vom Sehziel vorhanden, z.B. weil ein Objekt plötzlich auftaucht bzw. wegen der Latenz des Blickfolgesystems (min. 70ms, meistens ca. 100ms), so führt das Sakkadensystem mit einer sehr schnellen Augenbewegung den Blick sofort auf dieses Objekt. Ist der Blick auf dem Objekt, übernimmt das Blickfolgesystem, um dem Objekt zu folgen. Ist das Blickfolgesystem zu träge bzw. das Objekt zu schnell, so treten Sakkaden auf. Bei einem gestörten Blickfolgesystem treten bei der Blickfolge bereits bei Bewegungen unter 50°/s Sakkaden auf.

 

Nystagmus

Unter Nystagmus versteht man eine ganz schnelle zuckende Augenbewegung in horizontaler oder vertikaler Richtung. Der Nystagmus ist von einer langsamen und einer schnellen Phase in die Gegenrichtung gekennzeichnet. Durch eine zu langsame Augenbewegung weicht das Auge von der gewünschten Position ab und muss eine Positionskorrektur, die schnelle Phase vornehmen, damit der Blick stabilisiert werden kann. Diese Korrektur wird zentral (Hirnstamm) gesteuert. Das langsame Abweichen der Augen ist das Problem, welches den Nystagmus auslöst. Je höher die durchschnittliche Geschwindigkeit der langsamen Phase (øGLP, øSPV slow phase velocity), desto stärker ist der Schwindel. Bei den Nystagmen werden rechts- und linksschlagende, sowie auf- und abwärtsschlagende Nystagmen unterschieden. Die Schlagrichtung ist nach der Richtung der schnellen Phase benannt.

 

Video Horizontale Nystagmen

Testverfahren: Optokinetik horizontal, Einstellung: Streifenmuster gelb/blau, nach Links, 15°/s

 

Video Vertikale Nystagmen

Testverfahren: Optokinetik vertikal, Einstellung: Streifenmuster gelb/blau, vertikal, 30°/s

 

Beispiel Spontannystagmen:

In diesem Beispiel ist schön zu sehen, dass horizontale Nystagmen (obere Kurve) auftreten, aber keine vertikalen Nystagmen (untere Kurve). Die Nystagmen sind jeweils mit einem Dreieck gekennzeichnet. In der Ansicht rechts ist die durchschnittliche Geschwindigkeit der langsamen Phase ersichtlich für Horizontal (H, oberer Balken) sowie für Vertikal (V, unterer Balken hier = 0 da keine Nystagmen). Wird der Balken grau, wie in diesem Beispiel, so befinde ich mich im pathologischen Bereich, der weisse Teil des Balkens wäre noch innerhalb der Normwerte. Ist eine Messung pathologisch, erscheint ein roter Rhombus oben rechts.

Mit einem Fixationslicht wird geprüft, ob die Nystagmen unterdrückt werden können, wenn der Patient diesen Lichtpunkt mit den Augen fixieren kann. Ist das Fixationslicht aktiviert, ist dies durch einen gelben Balken im Graphen gekennzeichnet. Hier ist schön ersichtlich, dass der Patient durch die Fixierung die Nystagmen unterdrücken kann. Der Fixationsindex FI gibt an, wie gut der Patient die Nystagmen unterdrücken kann.

 

Schwindel-Tests

Beim horizontalen Bogengang ist zu bemerken, dass je nach zu prüfender Bewegungsgeschwindigkeit ein anderes Messgerät zum Einsatz kommt. Ein Kopf-Impuls-Test (vHIT) ist daher eine Ergänzung und nicht eine Alternative zur Kalorik. Im Alltag spielen schnelle Kopfbewegungen eine wichtige Rolle.

Beim vHIT sieht man, ob generell mit den Bogengängen etwas nicht in Ordnung ist. Bei der Video-Nystagmographie bzw. -Okulographie erkennt man das Auftreten von Schwindel bei bestimmten Bewegungen bzw. Positionen, sowie kann man das Sakkaden- und Blickfolgesystem prüfen.

 

Organ: Verfahren: Gerät: Bemerkung:
Diverse Organe Videofrenzel
Videonystagmographie
Videookulographie
Visual Eyes 505
Visual Eyes 515
Visual Eyes 525
Prüfung von diversen Organen z.B. VOR, Unterscheidung zentrale/periphere Ursache etc. (Nystagmen Untersuchung)
Sacculus cVEMP Eclipse VEMP
Utriculus oVEMP Eclipse VEMP
Subjektive visuelle Vertikale SVV c-SVV
Horizontaler Bogengang Kalorik mit Videonystagmographie Visual Eyes 515,
Visual Eyes 525
langsame Drehbewegungen (ca. 0.003Hz)
Therapie-Stuhl TRV-Stuhl Langsame bis mittelschnelle Drehbewegungen
Drehstuhl Nydiag mittelschnelle Drehbewegungen
(ca. 0.01-1.28Hz)
vHIT Kopf-Impuls-Test  EyeSeeCam schnelle Drehbewegungen
(1-4Hz), mit EyeSeeCam sind auch versteckte Sakkaden sichtbar (von Auge nicht erkennbar)
Vertikale Bogengänge Therapie-Stuhl TRV-Stuhl Langsame bis mittelschnelle Drehbewegungen
vHIT Kopf-Impuls-Test  EyeSeeCam schnelle Drehbewegungen
(1-4Hz). Vorderer und hinterer Bogengang, Ebene RALP und LARP

 

Bitte beachten Sie, dass diese Informationen allgemeiner Art sind und nicht ein kompletter Leitfaden zum Interpretieren aller möglichen Testergebnisse geboten wird. Die Messung muss in Verbindung mit weiteren medizinischen Untersuchungen interpretiert werden. DIATEC gewährt keine medizinische Richtigkeit bzw. Vollständigkeit. Genauere Informationen hierzu finden Sie in der einschlägigen Fachliteratur bzw. fragen Sie einen ORL-Spezialisten.

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